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Kolumne: Matsch-Alarm in Nimmerland

Als Kinder sind wir alle ständig umhergerannt – auf der Straße, im Wald, auf dem Feld und sogar im größten Matsch. Es war uns schlicht und einfach egal, wie nass und dreckig wir wurden, denn Mutti war es ja, die die Arbeit mit dem Waschen der Klamotten hatte. Und darüber, dass manche Flecken gar nicht rausgehen, haben wir uns erst recht keine Gedanken gemacht. Die Hauptsache war es schließlich, Spaß zu haben!

Heute, fast zwanzig Jahre später, bin ich von diesem unbeschwerten Gefühl weit entfernt. Ja, ich laufe immernoch, aber nicht in T-Shirts mit Minnie-Mousse-Aufdruck, sondern in Funktionsshirts, atmungsaktiven Tights und teuren Laufschuhen, die im besten Fall auch noch eine helle, empfindliche Farbe haben – sieht schließlich schick aus, dieser minzige Tiffany-Ton! Matschtauglich ist allerdings was anderes. Und genau deshalb gebe ich mir auch stets die größte Mühe, Pfützen zu umlaufen und mein Laufoutfit so schmutzfrei wie möglich nach Hause zu geleiten. So muss es ja auch sein. Ich bin schließlich erwachsen und vernünftig und nun wirklich aus dem Alter raus, in dem man es witzig findet, völlig verdreckt herumzulaufen.

Dachte ich jedenfalls. Bis vor kurzem. Ich habe nämlich bei einem Hindernislauf mitgemacht, genauer gesagt: Dem Spartan Race. Das ist ein Lauf, bei dem man es förmlich darauf anlegt, sich schmutzig zu machen. Ich gebe zu, beim ersten Hören klingt das reichlich befremdlich. Unsere Eltern haben mindestens achtzehn Jahre ihres Lebens damit zugebracht, uns zu Vernunft und Sauberkeit zu erziehen, und dann das? Ich bin skeptisch, ob das wirklich Spaß macht, sich im Matsch zu fläzen und mit nassen Schuhen durch die Gegend zu watscheln. Dafür bin ich vielleicht zu wenig Wendy, die sich von Peter Pan nach Nimmerland entführen lässt.

Es gibt ja sogar extra Klamotten für solch eine Sauerei. Schuhe, die Wasser durchlassen, anstatt es abzuhalten, zum Beispiel. Nasse Füße und Socken sind so ziemlich das letzte, was ich bei einem Lauf gebrauchen kann. Widerwillig ziehe ich die Dinger an, auch wenn ich mir wirklich nicht vorstellen kann, wie mir diese extreme Wasserdurchlässigkeit behilflich sein soll, wenn ich ohnehin durch einen Tümpel waten muss. Ein Boot scheint mir da viel angebrachter.

Ehe ich weiß, was geschieht, stehe ich auch schon an der Startlinie dieses “Obstacel Runs”, zu deutsch: Hindernislauf. Hier trägt niemand die neueste Laufmode, stattdessen drängen sich abgetragene Shorts an löcherige Shirts. Andere haben wohl vorsorglich fast gänzlich auf Kleidung verzichtet, so dass man Männer oberkörperfrei und Frauen in Sport-Bras und kurzen Sweatshorts bewundern kann. Ich trage eine Lauftight, schließlich bin ich Läuferin. Den Umständen entsprechend in schwarz, und nicht in einer hippen limited edition. Ich bin zwar festentschlossen, aus diesem Lauf so sauber wie möglich hervorzugehen, aber man weiß ja nie.

Der Startschuss fällt und alle stürmen los. Bereits nach wenigen Metern kommt die erste Matsch-Wasser-Grube. Na toll. Die Witzbolde vor mir stürzen sich ohne zu zögern hinein. Ich würde ja drüber springen, wenn nicht an der Seite ein Wachposten stehen würde, der mich dafür tadeln und zu Straf-Burpees verdonnern könnte. Mein High-Tech-Läuferherz blutet, als ich mich überwinde und bis zur Hüfte in die dreckige Brühe eintauche. Es fühlt sich so … super an! Als hätte mich Peter Pan höchstpersönlich an der Hand genommen und ins Nimmerland geführt. Ich fühle mich wirklich wie ein kleines Kind und lache, als ich sehe, das meine supertolle Funktionstight schon jetzt völlig verdreckt ist. Vermutlich kann ich die später nur noch wegwerfen. Aber was solls.

Das Wasser läuft aus meinen Schuhen und statt des erwarteten Ekels freue ich mich über dieses Wunderwerk der Produktentwicklung, mit dem ich also immer wieder in richtig tiefe Pfützen springen kann. Und das mache ich natürlich. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit renne ich ins Wasser und benehme mich schlimmer als so manches Kleinkind im Freizeitpark. Ich kann gar nicht genug bekommen von den Matschgruben. Vielleicht, weil ich denen in den vergangenen zwanzig Jahren so konsequent aus dem Weg gegangen bin. Weil man als Erwachsener so einen Unsinn ja nicht mehr macht. Weil man seine Wäsche selber waschen muss. Und weil die teuren Laufklamotten pfleglich behandelt werden sollten.

So ein Quatsch! Nur weil wir arbeiten gehen, unsere Miete selbst zahlen und jede Woche selbst dafür sorgen müssen, dass unsere Klamotten sauber sind, heißt das noch lange nicht, dass wir uns nicht ab zu auch mal so richtig albern und verrückt benehmen dürfen! Wann seid ihr denn das letzte Mal auf ein Klettergerüst geklettert oder habt euch in voller Montur in einen See geworfen? Eben. Vermutlich habt ihr deshalb auch ganz vergessen, wie viel Spaß so etwas macht.

Die Hindernisläufe sind im Grunde inszenierte Spielplätze für Erwachsene. Es darf gern ein wenig gefährlicher zugehen als in den Nachmittagsstunden auf dem benachbarten Kinderspielplatz, aber im Grunde geht es hier um die selbe Sache: sich dreckig machen, rumtoben, klettern, nass werden. Abenteuer erleben eben. Wie früher. Und jetzt mal ganz ehrlich: Können nicht gerade wir Erwachsenen solch ein Abenteuer zwischen unseren stressigen Jobs und dem minutiös verplanten bischen Freizeit ziemlich gut gebrauchen?

Probiert es einmal aus – ob nun bei einem groß organisierten Hindernislauf oder vielleicht bei euch um die Ecke in einem nahegelegenen Wald. Hier könnt ihr krackseln, kriechen, in Seen springen und natürlich auch laufen. Und dabei richtig schön dreckig werden! Ihr werdet sehen, wie befreiend es ist, mal zwei Stunden nicht die vernünftige Erwachsene sein zu müssen, die in ihrer High-End-Tight und den neuen sauberen Laufschuhen eine vorbildliche Runde im Stadtpark dreht.

Also, auf nach Nimmerland,

Jennys Fitness Kolumne auf beingfitisfun

Übrigens: Wie man während und nach solch einem schmutzigen Lauf aussieht, könnt ihr euch hier ansehen!

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