Connect
To Top

Medaille oder Krücken – wieso aufgeben manchmal besser ist

„Ach? Den Berlin Marathon wollen Sie laufen?“, fragt der Sportarzt und lacht dabei, als habe er einen richtig guten Witz gehört. „Der ist doch schon in zwei Wochen!“

Obwohl er das ganz richtig erkannt hat, ist er mir in diesem Moment grandios unsympathisch. An seinem amüsierten Blick sehe ich, dass er meine Teilnahme – oder genauer gesagt mein Durchkommen – beim Berlin Marathon für so wahrscheinlich hält wie eine Zweigstelle seiner Praxis auf dem Mars. Ich wünschte wirklich, ich könnte mitlachen. Doch die Art, wie er meinen Fuß beugt und streckt und mit seinen Fingern über mein Schienbein fährt, verführt mich allenfalls zu innerlichen Schmerzensschreien und einem gequälten Lächeln. Ich möchte ihm nicht zeigen, wie sehr ich leide, denn ich will ihm – oder vielleicht auch nur mir – beweisen, dass ich mein Training nicht pausieren brauche.

Natürlich nicht. Ich habe mich mehr als zwei Monate fast jeden Morgen um vier Uhr morgens aus dem Bett gequält, um meine Trainingsrunden zu laufen. Langsam, schnell, Intervalle und elendig lange Läufe zu Tageszeiten, an denen ich allenfalls Igel auf der Straße getroffen habe. So oft hat mein Wecker geklingelt und ich wollte mich wieder umdrehen, total übermüdet vom vorangegangenen stressigen Arbeitstag oder dem Krafttraining am Abend. Doch ich bin immer wieder aufgestanden, weil ich nur diesen einen Gedanken hatte: Ich tue das für Berlin. Das wird der Hammer!

Hammermäßig findet der Sportarzt es offenbar, dass ich mich gedanklich noch nicht vom Marathon verabschiedet hatte. „Sie können es natürlich probieren. Starten Sie ruhig. Wenn es Ihnen das Wert ist, dass Sie dann sechs Monate auf Krücken gehen.“ Wo jeder normale Mensch spätestenss in diesem Moment  eingelenkt und voller Schrecken die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen hätte, lässt meine Läufersturheit mich zögern. Tatsächlich frage ich mich: Sechs Monate auf Krücken, dafür aber den Marathon mitlaufen – ist es das vielleicht wirklich wert?

Als hätte er meine Gedanken gelesen, schüttelt der Arzt den Kopf und lächelt wissend. „Wissen Sie, ich habe das alles schon hinter mir. Als ich jünger war habe, ich sowas auch gemacht. Aber irgendwann muss sich fragen, ob der Preis nicht zu hoch ist.“

Ich stelle mir den Kampf über die 42 Kilometer vor, vorbei an all den Berliner Sehenswürdigkeiten, die ich gar nicht kenne, weil ich Berlin immer nur beruflich besuche, und auf die ich mich so sehr gefreut habe. All die Menschen, die tolle Stimmung, der Schweiß, die Schmerzen, die Qual – und dann den Zieleinlauf, die Finisher-Medaille und das Gewinnerbier. Ich bin mir sicher, dass es viele, viele andere Läufer gibt, die für dieses Erlebnis, das ja nicht nur einfach „irgendein Lauf“ ist, sondern das Über-sich-Hinauswachsen und dadurch ein unermessliches Gefühl der Stärke verursacht, die ein oder andere Verletzung riskieren würden. Solange wir nicht tot umfallen, laufen wir.

Wer sich in den diversen Läufercommunities auf Facebook & Co. bewegt, der bekommt diesen Spirit vom ersten Schritt an eingetrichtert. Sprüche wie „Schmerz ist vergänglich, eine Niederlage aber währt für immer“ oder „Es gibt gute Salben, zieh es durch, was danach kommt ist egal“, habe ich schon mehrere Dutzend Male als Reaktion auf tieftraurige Läuferposts gesehen, in denen die Verletzten ihr Leid klagten. Klar ist Schmerz vergänglich – aber Lebensqualität auch. Und es gibt durchaus Läufer, die noch ein Leben neben dem Laufen haben. Denen es das nicht wert ist, sich wochenlang nicht bewegen zu können, weil sie unbedingt diesen einen Lauf mitlaufen wollten. Da bringt es auch nichts, anderen zu vermitteln, dass sie wehleidig oder zimperlich wären, nur weil die blöde Salbe bei ihrer Verletzung nicht hilft.

Ich verbringe eine knappe Stunde in der Arztpraxis, um mir meine Verletzungen erklären zu lassen und immer und immer wieder daran erinnert zu werden, wie vollkommen sinnfrei es wäre, in meinem Zustand einen Marathon zu laufen. Und doch dauert es bis zum Abend, bis ich mich dazu entschließe, meine Teilnahme abzusagen. Mein Herz blutet und ich bin unsäglich enttäuscht und wütend. Wütend auf meinen Körper, der bisher so toll mitgespielt hat. Wütend auf mich selbst, dass ich nicht früher zum Arzt gegangen bin, um meine Schmerzen abzuklären. Wütend auf mein Bein, das sich ja wirklich noch zwei Wochen hätte Zeit lassen können.

Gleichzeitig bin ich aber auch erleichtert darüber, dass mein Körper mich gewarnt hat. Dass ich nicht während des Marathons plötzlich spüre, dass etwas nicht stimmt, und im Adrenalinwahn einfach weiterlaufe und am Ende tatsächlich auf Krücken lande. Diese Erfahrung durfte ich im vergangenen Jahr schon einmal machen und sie war so ziemlich das schlimmste, was mir je passiert ist. Ein Gefühl der Stärke und Unbesiegbarkeit für den Moment für ein Gefühl der Hilflosigkeit und Schwäche für mehrere Wochen? Nein, danke. Das können gerne andere für mich erledigen.

In diesem Sinne: Ihr lieben Verletzten da draußen, riskiert nichts. Hört auf euren Körper. Der nächste Lauf kommt. Ich weiß, es ist schwer, aber seid euch sicher: Ihr seid nicht alleine.
Und an alle, die in Berlin mitlaufen: Wir sehen uns in bei Kilometer 35, in der Cheerzone von #HolidayInn!

7 Comments

  1. Katika

    22. September 2014 at 09:43

    Liebe Jenny,
    ich fühle mit dir…auch ich liege gerade zu Hause und werde dank Verletzung viele Monate keinen Sport machen können. Alles abzusagen, für das man so lange und hart gearbeitet hat, das ist furchtbar und ich verstehe deine Worte so gut. Aber letztlich haben all die Menschen recht, die sagen: “Was ist das schon? Es gibt Menschen denen so viel Schlimmeres widerfährt, was beschweren wir uns darüber keinen Sport machen zu dürfen.” Es ist viel mehr als nur Sport, es ist Selbstverwirklichung, aber trotzdem haben sie recht…. objektiv betrachtet geht es uns ziemlich gut, und das sollten wir zu wertschätzen wissen.
    Das Leben ist nicht vorbei, es wird einen weiteren Marathon, eine weitere Chance geben. Und du wirst sie nutzen und diesmal deinem Körper vielleicht mehr Zeit, mehr Regeneration, mehr Pause gönnen. In diesem Sinne: Aufstehen (meinetwegen auch mit Krücken!), Krone richten, weitermachen!
    Liebe Grüße und gute Besserung!

  2. Maggie

    22. September 2014 at 11:41

    Liebe Jenny,

    ich wünsche Dir eine Gute Besserung, auf das Du trotzdem schnell wieder fit wirst uuuund der nächste kommt bestimmt, z.B. Paris, hier wurden die Anmeldung geöffnet 🙂
    Ich freue mich auf Dich und die anderen in Berlin und werde bis 35k durchhalten, um an euch mit den anderen vorbei zu laufen und bis zum Ende durchzuhalten.

    Verletzungen kurz vor Ende sind sehr schwer. Ich bin froh, dass es bei mir am Anfang war und zum Ende gut ging.

    Alles Gute und bis Sonntag :-*

  3. Stefan

    22. September 2014 at 21:20

    Das habe ich schon lange erwartet so wie Du trainierst ist das keine wirkliche Überraschung.

  4. Redaktion

    Jenny

    23. September 2014 at 19:19

    Hallo Stefan, wie trainiere ich denn? Ich habe für meinen Marathon nach einem speziellen Trainingsplan trainiert, und der war nicht mal für ambitionierte Läufer (nämlich für die Zielzeit 4:30). Dass ich nun nicht am Marathon teilnehmen kann, liegt auch nicht am Training, sondern an einer Freizeitaktivität, bei der ich meinen Fuß unglücklich belastet habe. Sowas kommt vor – und zwar auch bei Leuten, die gar keinen Sport machen. Aber danke für deine Anteilnahme 😉

  5. Stefan

    23. September 2014 at 20:12

    Du trainierst ohne Regeneration 6 Tage die Woche und scheinbar immer recht ähnlich – das kann auch Dauer nicht gut gehen. Seinen Körper durch Sport überlasten und dann noch zu früh aufstehen und die Regeneration verkürzen. Das schadet aus meiner Sicht auf lange Sicht nur. Hier ist weniger mehr. Und die Gesundheit geht immer vor!

  6. Redaktion

    Jenny

    23. September 2014 at 22:18

    Natürlich geht die Gesundheit immer vor – deswegen bin ich jetzt ja auch vernünftig und kuriere mein Bein aus. Im Übrigen ist die Vorbereitung auf einen Marathon ja normalerweise nur 12 Wochen lang – in dieser Zeit kann man auch mal 6 Tage die Woche trainieren, wenn man nach harten Einheiten trotzdem genug Regeneration hat (bei mir immer mindestens 34 Stunden). Im Marathontraining macht man pro Woche – jedenfalls in meinem Plan – zwei ganz lockere Läufe. Danach braucht ein gut trainierter Sportler kaum Regeneration. Und wie gesagt, nach 3 Monaten ist der Spuk vorbei, ich stimme dir also nicht zu, dass solch ein Training langfristig schädlich ist. Wenn man es übertreibt, na klar – dennoch kenne ich Läufer, die nicht nur ein Mal im Monat einen Marathon laufen, sondern “nebenbei” auch noch viel Krafttraining betreiben. Und denen geht es blendend! Mein persönliches Ziel ist das natürlich trotzdem nicht 😉

  7. idefix

    24. April 2015 at 15:23

    hey jenny, ich habe nur die ersten 4 wochen training auf deinem blog gesehen. ging’s dann noch weiter? “Im Übrigen ist die Vorbereitung auf einen Marathon ja normalerweise nur 12 Wochen lang”. für einen gut trainierten läufer, ja. nicht für jemanden, der “neu” ist. man kann sich als laufanfänger in zwölf wochen nicht auf einen marathon vorbereiten, und es ist egal, welchen sport du sonst noch betreibst, oder wie sportlich du sonst bist…

Leave a Reply

More in Fitness-Kolumne