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Kolumne: App dein Training – Stirbt das Fitnessstudio?

Wo immer ich hingucke, sehe ich Screenshots aus Apps. Hier ein getrackter Lauf auf Facebook, da ein Schnappschuss beim Training mit der Fitness-App auf Instagram oder ein reger Fortschrittsaustausch in einer Freeletics-Gruppe. Mittlerweile gibt es wirklich für so ziemlich jeden Fitnesstrend eine App, die es einem ermöglicht, zuhause zu trainieren. Und das in vielen Fällen sogar völlig kostenlos.

Ich bin das beste Beispiel, denn ich nutze nicht nur die Nike Running App, sondern auch die NTC App für Bodyweight Workouts, eine Yoga App zum Dehnen und Kräftigen der Muskeln, die newmoove-App meines Fitnessstudios, in der ich auch zuhause meine Lieblingskurse absolvieren kann, und natürlich die Freeletics App, mit der ich kurze, aber heftige Workouts bestreit Ihr seht: Laufen, Krafttraining, Yoga und HIIT sind abgedeckt. Was also soll ich eigentlich noch in einem Fitnessstudio? Ist das nicht ohnehin total oldschool?

Fakt ist: Bei all der App-Sportelei bleibt fast keine Zeit, sich auch noch im Studio auszutoben. Wozu auch? Man kann alles bequem und ohne teuren Studiobeitrag zuhause erledigen und muss sich dabei nicht mal Gedanken darüber machen, ob die Sporthose unvorteilhaft sitzt, der Bauch zu dick für das Top ist oder ob beim intensiven Training die Wimperntusche verschmiert. Man bekommt keine skeptischen Blicke zugeworfen, wenn man sich beim Intervalltraining auf dem Laufband das letzte bisschen Luft aus den Lungen presst und verzweifelt nach Sauerstoff schnappt, und auch wenn man stöhnend und schnaubend versucht, den fünfzigsten Burpee einigermaßen würdevoll hinter sich zu bringen, bleibt niemand stehen und starrt einen an, als wäre man komplett übergeschnappt. Mein Aha-Erlebnis im Fitnessstudio war definitiv die Frage eines Mädels, die mich bei Freeletics eine ganze Weile beobachtet hatte und mich dann fragte, wieso genau ich mich eigentlich so bestrafen würde. Kopfschüttelnd und mit dem Spruch “Sport soll doch Spaß machen” ließ sie mich stehen. Seitdem habe ich meine Freeletics-Workouts nur noch zuhause gemacht.

Es ist herrlich, beim Training nicht vom beißenden Schweigeruch des Trainingsnachbarn eingehüllt zu werden, so dass man höchstens vor Erschöpfung und nicht von dem Gestank ohnmächtig wird. Ich kann zuhause meine Matte, meine Hanteln und meine Wasserflasche im ganzen Raum verteilen, ohne dass direkt jemand kommt, um mich anzugehen, weshalb ich “die ganze Trainingsfläche” belege. Überhaupt: Schlechtgelaunte Studiomitglieder finden sich in meinem heimischen Studio natürlich auch nicht ein. Keiner da, der mich böse anguckt, weil ich das Springseil schon seit fünf Minuten benutze und vom Tresen pöbelt auch niemand die armen Mitarbeiter an, nur weil diese grad nicht flüchten können und als Frustablasser benutzt werden.

Ja, es ist schon schön im digitalen Fitnessstudio, in dem mir sogar virtuelles Coaches Trainingspläne erstellen und mein Training via Kamera überwachen und korrigieren können. Meine Apps erinnern mich sogar daran, wenn es Zeit fürs nächste Training ist – es geht eigentlich nicht besser, oder?

Wer braucht schon soziale Kontakte wenn es Social Media gibt? Ich habe in den verschiedenen Apps zusammen an die 1000 Freunde. Die Gemeinschaft, die im Fitnessstudio entsteht, etwa wenn man immer die selben Kursen besucht und mit seiner “Crew” zu einer Einheit verwächst, brauche ich dann ja wohl nicht.

Und was soll ich mit dem ernst gemeinten, fachlich untermauerten Lob einer Trainerin anfangen, wenn ich in meiner App doch 30 Claps für meinen Lauf oder ein Workout bekomme? Und der App-Coach, der mir Anweisungen und Tipps gibt, ist doch auch 100 Mal besser als ein Personal Trainer aus Fleisch und Blut, der mich auch außerhalb der gemeinsamen Trainingsstunden auf der Freifläche anspricht und nervt, weil ich eine Übung falsch ausgeführt habe. Dieses “Versuch es mal so”, “Los jetzt, du schaffst das!” und “Mensch, jetzt gib mal Gas, ich weiß doch dass du das besser kannst!” wird ohnehin überbewertet. Motivieren kann ich mich schließlich selbst.

Und auch auf die ganze Athmosphäre im Studio kann ich verzichten. All die Leute, die sich an den Geräten, auf den Laufbändern und auf der Freifläche abmühen und mir damit nicht nur Motivation geben, sondern auch immer wieder neue Ideen und Anstöße für Übungen, die mein Training boosten können. Die vielen hochwertigen Geräte, die mir im Studio zur Auswahl stehen und mit denen ich mein Training immer wieder variieren kann, brauche ich nicht – ich wechsele einfach zwischen ein paar App-Workouts hin und her, das wird schon reichen.

Und wenn ich beim Training mit einer der Apps doch mal eine Bewegung falsch ausführe und mich verletze, dann gibt es ganz sicher auch eine App, die mir den Weg zum nächsten Krankenhaus sagt und mich auf dem Krankenzimmer mit meinen Lieblingsfernsehsendungen unterhält!

Diese Kolumne soll mit einem Augenzwinkern vermitteln, dass Fitness-Apps zwar große klasse sind, ihr aber hin und wieder auch unter Leuten und vor allem mit einem Trainer trainieren solltet. Der ist zwar nicht umsonst wie die tollen Apps, doch er achtet auf die korrekte Ausführung der Übungen und eure Schwachstellen und verhindert damit, dass ihr euch verletzt. Und ganz nebenbei: In unserem Leben spielt sich bereits so viel online mit unseren virtuellen Freunden ab – die richtig reale, schweißnasse Hand unseres Trainingspartners im Fitnessstudio beim Abklatschen ist da doch mal eine willkommene Abwechslung!

Sport frei, egal wo!

Jennys Fitness Kolumne auf beingfitisfun

 

 

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