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Die Hahner Zwillinge im Interview: “Ich habe einen mega Respekt vor jedem Marathonläufer, egal wie schnell er läuft”

Am Freitag hatte ich das Vergnügen, Anna und Lisa Hahner zu treffen. Im Rahmen des bisher größten #boostberlin Community Runs von adidas war vorher auch Zeit für ein entspanntes Stabilisations- und Mobilisationsworkout mit den schnellsten Zwillingen der Welt. Im Park am Gleisdreieck frühstückten wir an die 400 Crunches ab, stärkten unsere Rücken und dehnten Hüfte und Beine. Daneben war natürlich auch noch Zeit für ein kleiner Plausch – die perfekte Gelegenheit, um die beiden supersympathischen Mädels besser kennenzulernen!
Wie seid ihr zum Laufen gekommen?
Wir waren immer schon sportlich und haben Jujutsu gemacht und Tischtennis gespielt. Laufen war aber bis zum Alter von 17 gar kein Thema für uns!
Zum Laufen gebracht hat uns eigentlich Joey Kelly – früher waren wir große Fans der Kelly Family und als wir mitbekommen haben, dass Joey in einer Nachbarstadt einen Vortrag hält, sind wir dorthin gefahren. Er hat dort über seine Leidenschaft laufen geredet, über seine Expeditionen und 160-Kilometer-Läufe und wir waren fasziniert und inspiriert davon. Nicht unbedingt vom Laufen, sondern von der Art, wie er darüber geredet hat. Wir dachten:“Das muss das Geilste der Welt sein!“
Und dann wollten wir auch anfangen zu laufen. Das war im Februar 2007. Wir sind dann erstmal für uns laufen gegangen und in Tischtennisschuhen losgelaufen, da wir nicht wussten, dass es extra Schuhe zum Laufen gibt. Erstmal drei Kilometer, dann haben wir eine Pause gemacht, haben Müsliriegel gegessen und Trinkpäckchen getrunken und dann sind wir wieder zurückgelaufen. Das haben wir drei Mal in der Woche gemacht. Dann nahmen wir an den ersten Volksläufen teil und wir wurden recht schnell recht viel besser. Im Herbst sind wir unseren ersten Halbmarathon (im Baumwollhirt!) gelaufen, den wir mit 1:29 erstaunlicherweise gewonnen haben. Ab dann haben wir angefangen strukturierter zu trainieren und einem Trainingsplan zu folgen.
Wie bereitet ihr euch auf einen Wettkampf vor? Wann fangt ihr an für einen Wettkampf zu trainieren?
Lisa: Unser Wettkampfjahr teilt sich in Frühjahrs- und Herbstmarathon auf, es gilt also: Nach dem Marathon ist vor dem Marathon! Nach dem Marathon haben wir zwei Wochen, in denen wir jeden Tag ein bisschen Sport machen und auch nicht jeden Tag laufen, sondern mal Tischtennis spielen, mal Schwimmen, mal auf die Slackline, also wirklich alles mögliche.
Anna: Die gezielte Marathonvorbereitung sind dann drei bis vier Monate. Je näher es an den Marathon herangeht, desto laufspezifischer wird es. Im Januar sind wir in Südeuropa, wo wir kombiniert Radfahren und laufen. Da sind es dann nur 140 Laufkilometer die Woche, plus 500 Radkilometer. Je dichter es an den Marathon herangeht, desto weniger gehen wir aufs Rad und desto mehr laufen wir.
In diesem Jahr mache ich es zum ersten Mal, dass ich zur Vorbereitung auf den Herbstmarathon einen weiteren Marathon laufe. Dazu fliegen wir nach Rio.
Im Training laufen wir zwar auch die Marathondistanz, aber nicht als Wettkampf. Gefühlt sind es natürlich auch im Training 100%, die wir laufen, aber weil wir nie ausgeruht daran gehen, können wir nicht so schnell laufen, als wenn wir vor dem Marathon im Herbst 2 Wochen vorher tapern (die Einheiten werden immer kürzer, an den letzten drei Tagen gehen wir nur noch eine halbe Stunde laufen). Man ist also so ausgeruht am Start, dass man wirklich Vollgas geben kann.
Jetzt werde ich den Rio Marathon nicht ausgeruht laufen, sondern als Trainingswettkampf. Aber es ist einfach cooler, die 42km nicht alleine im Industriegelände zu laufen, wo vielleicht mal ein Radfahrer vorbei kommt, der nur freundlich grüßt, sondern wenn da ganz viele Läufer sind und die Atmosphäre stimmt. Da Lisa den Ermüdungsbruch hatte, läuft sie den halben.
Ein zusätzlicher Aspekt ist, dass in genau einem Jahr die Olympischen Spiele in Rio stattfinden und wir schonmal das Klima und die Atmosphäre testen können. Und es ist auch cool, schon in Rio zu sein und zu wissen: genau dahin will ich nächstes Jahr kommen. Für den Olympischen Marathon können wir uns ab August mit dem Herbstmarathon qualifizieren. Wer vermuten, dass die Zielzeit dafür um die 2:28 / 2:30 sein muss.
Was sind die längsten Strecken, die ihr in der Marathonvorbereitung lauft?
Anna: Die längste Strecke waren bisher 45 Kilometer. Es gibt viele Marathonläufer, die nicht länger als 35 Kilometer in der Vorbereitung laufen. Ich finde es cool, über die Distanz zu laufen, auch wenn es dann nur 2,5 Kilometer mehr sind, aber das gibt einem das Gefühl dass man die Distanz kennt, auch wenn es langsamer ist als im Wettkampf.
Wie „langsam“ lauft ihr denn, wenn ihr einen langen Lauf im Training macht?
Lisa: Wir laufen die langen Läufe relativ schnell. Da gibt es ja unterschiedliche Philosophien und wir machen die lockeren Läufe bis zu 20km, während alles was höher geht unter 4 Minuten pro Kilometer ist. Marathonpace ist dann 3:34er Pace – bei Anna 3:28 – also laufen wir dann eine halbe Minute über dem Marathonpace. Manchmal gehen wir auch auf 3:45 runter, kurz vorm Marathon.
Wenn man die langen Läufe langsam läuft, dann ist man halt ewig unterwegs. Deswegen haben ich einen mega Respekt jedem Marathonläufer, egal wie schnell er läuft. Wenn mir jemand sagen würde: “Geh mal vier Stunden laufen, du darfst dir die Geschwindigkeit aussuchen”. Da würde ich denken: 4 Stunden? Das auch muskulär zu schaffen ist eine krasse Leistung, egal wie schnell das jetzt ist. Es ist trotzdem was anderes ob man zweieinhalb Stunden läuft oder vier Stunden auf den Beinen ist.
Natürlich machen wir auch richtig lange Einheiten bis zu fünf Stunden – dann aber auf dem Rad. Vom Pulsbereich her ist das dann wie ein lockerer Lauf.
Wie sehen solche Radeinheiten dann aus?
Lisa: Wir fahren gerne abwechslungsreich, also mit Steigungen. Wenn man gerade fährt, dann hat man immer ein konstantes Pace. Wenn man dagegen in die Berge geht, gehts immer wieder hoch und runter. Leider! Wir sind nämlich keine gute Abfahrer.
Wir wohnen ja im Schwarzwald und da gibt es superschöne Routen, oder auch in Spanien im Hinterland. Als wir am Chiemsee im Trainingslager waren, haben wir eine Runde nach Kitzbühel gemacht, denn da wollten wir immer mal hin. Das hat dann gepasst – 130 Kilometer und wir waren mal in Kitzbühel, wenn auch nur kurz.
Wie sieht ein typischer Wettkampfmorgen aus?
Lisa: Das Gute ist, dass wir beide vor einem Marathon gut schlafen können. Wir sind dann eher nach dem Marathon so aufgedreht und erschöpft, dass wir nicht schlafen können und wollen. Vor dem Marathon sind wir entspannt! Wir gehen dann 4 Stunden vor dem Rennen zum Frühstück; frühstücken tun wir sehr gerne und sehr viel, denn das ist für uns eine extrem wichtige Mahlzeit. Wir müssen viel essen, um ein gutes Gefühl zu haben und vorm Marathon essen wir sogar so, dass wir bis zum oberen Rand voll sind. Das sind dann zum Beispiel vier Brötchen, zwei bis vier Tassen Cappuccino und Banane. Obst essen wir nicht zu viel, wegen der Ballaststoffe, und auch wenig Milch wegen des Milchzuckers. Anna hat in Berlin auch mal belgische Waffeln vorm Marathon entdeckt …
Anna: Ich bin in diesen Frühstücksraum rein und es roch schon so geil nach Waffeln. Und ich dachte:“Hätte ich jetzt Lust darauf!“ Normalerweise gibt es beim Marathonfrühstück Brötchen und Cornflakes, aber eben nicht schon morgen um fünf Uhr so ein Buffet. Und Lisa meinte zu mir:“Du überlegst jetzt nicht wirklich, eine Waffel vorm Marathon zu essen!“ Und ich habe gesagt:“Nee … naja, schon! Guck du mal wie geil die schon aussehen und wie die riechen.“ Ich hatte noch nie vor einem wichtigen Training Waffeln gegessen, geschweige denn vor einem Wettkampf, geschweige denn vor einem Marathon! Aber ich hatte so Lust darauf, und wenn mein Körper mir sagt, dass er die Waffel will, dann muss er sie wirklich wollen. Und dann habe ich sogar zwei Waffeln gegessen und bin danach Bestzeit gelaufen. Von daher muss man wirklich entspannt mit sowas sein. Ich würde natürlich niemandem empfehlen, so viele neue Sachen zu probieren, aber wenn man das Gefühl hat „das muss heute so sein“, dann sollte man es einfach machen und auch überzeugt davon sein, dass es das richtige ist. Das schlimmste überhaupt sind Zweifel. Wenn man überzeugt ist, dann wird es auch passen.
Wie testet ihr denn die beste Ernährung für einen Wettkampf?
Manchmal machen wir es bewusst vor intensiven Trainingseinheiten, oder wir merken es vom Training her, dass das nicht gepasst hat. Wir essen mittags eigentlich nie Fleisch, sondern abends, damit der Körper genug Zeit hat, es zu verdauen. Man kann es auch vor Wettkämpfen testen, die nicht so entscheidend sind. Dann ist es halt ein schlechter Wettkampf, wenn es nicht passen sollte, aber die Erfahrung für den Marathon ist dann wichtiger.
So haben wir es auch mit dem Obst gemacht, weil wir es morgens zum Frühstück lieben, oder mit Ei – aber das braucht auch zu lange um verdaut zu werden.
Das mit dem Essen ist aber auch Gewöhnungssache! In Berlin waren zum Beispiel Äthiopier, die sich einen Berg voll Eier aufgetischt haben – in Äthiopien essen sie halt an jedem Morgen Eier und dann natürlich auch vorm Marathon. Die Chinesen bringen sich immer ihre Nudelsuppen mit und die lassen sie sich dann morgens aufkochen. Vom daher sollte man einfach machen, worauf man Lust hat und woran man gewöhnt ist.
Ein besonderer Moment im Lauf … 
Lisa: Das war die Überschreitung der Ziellinie bei meinem ersten Marathon in Frankfurt. Das ist so ein cooles Gefühl und extrem schwer in Worte zu fassen. Das ist ein Gefühlscocktail aus Erleichterung, Erschöpfung aber auch Glück und Euphorie. Dieses Gefühl ist grandios und deswegen laufe ich: Um über die Ziellinie zu laufen.
Anna: Bei mir war es der Wien Marathon 2014, als ich die Kenianerin überholt habe, die 41,9km lang geführt hat. As ich dann realisiert habe: Krass, ich gewinn das Ding!, weil ich das wirklich bis 3 Meter vor ihr gar nicht auf dem Schirm hatte. Das coole beim Marathon ist aber auch, dass man sich an so vielen kleinen Dingen erfreuen kann. Einerseits läuft man  sein eigenes Rennen, aber wenn dann Stimmen die man kennt den eigenen Namen rufen und einen anfeuern … Ich gucke auch immer, wenn Leute meinen Namen rufen, weil ich daraus Energie ziehe.
Letztes Jahr hat dich ja Joey Kelly in Berlin angefeuert … 
… Ja, das war mega geil. Während des Rennens habe ich ihn nicht gesehen, aber gehört, weil er ein Megafon hatte. In dem Moment dachte ich nur „Die Stimme! War das Joey?“ und hab das dann aber irgendwie wieder vergessen. Hinterher hat er mir noch bei WhatsApp ein Video geschickt, in dem er gratuliert hat und gesagt hat, wie stolz er ist.
Habt ihr bestimmte Rituale für den Wettkampftag?
Lisa: Unser Ritual sind die Wettkampfrisuren, die wir uns am Wettkampfmorgen machen und Musik dabei hören. Mittlerweile hat Anna mich dazu gebracht, dass ich mir selbst den Zopf flechten kann – Aber wenn ich einen wichtigen Wettkampf habe, macht Anna es noch. Wenn sie einen Wettkampf hat, macht sie es bei sich 😉
Wenn wir zusammen an der Startlinie stehen, dann stellen wir uns gegenüber, schauen uns an und stoßen die Fäuste aneinander.
Stimmt es, dass ihr euch während des Laufens Musik vorsingt?
Lisa: Ja, wir machen das ab dem ersten Kilometer. 42 Kilometer sind ewig lang und der Ursprung war, dass Anna 2012 den Berlin Marathon gelaufen ist. Damals hatte Adidas verschiedene Bühnen an der Strecke und jede hatte ein Motto, zum Beispiel Euphoria und Pain. So war der Marathon in verschiedene Abschnitte eingeteilt, immer von Bühne zu Bühne. Ich fand das so cool, denn ich habe sie auf dem Rad begleitet und das hautnah miterlebt, dass ich dann beim Frankfurt Marathon dachte: Mache ich mir mein eigenes Ding. Bei meinem letzten Abschnitt hatte ich „Euphoria“ als Ohrwurm. Der Veranstalter in Frankfurt hatte das mitbekommen und als ich in die Festhalle eingelaufen bin, haben sie das Lied gespielt. Das war so mega! Seitdem machen wir das immer. Dann freut man sich immer auf jeden sechsten Kilometer, denn dann weiß man „ah, jetzt kommt ein neues Lied!“. Dann hat man das Gefühl man läuft immer nur sechs Kilometer.
Total verrückt war es in 2013 Frankfurt, als wir zusammen gelaufen sind. Da war eine Band am Rand und da haben die ein Lied gespielt, das wir zwei Kilometer später als Abschnitt hatten (Spin Doctor – Two Princes). Da haben wir uns angeguckt: Unser Lied, wie geil! In solchen Situationen kann man sich auch immer noch mal Energie holen.
Ohne Kopfhörer ist man Herrscher über sich selbst – wenn man keine Lust mehr auf eine Liedzeile hat, spult man im Kopf weiter. Man bekommt mit Kopfhörern im Ohr auch nicht mit, was drumherum passiert. Zudem ist es bei Wettkämpfen offiziell verboten. Im  hinteren Feld wird es nicht kontrolliert, aber wir müssen vorher unterschreiben, dass wir keine elektrischen Gerätschaften benutzen. Das ist glaube ich auch ein Sicherheitsaspekt. Wenn man Musik im Ohr hat, dann kriegt man ja nichts mehr mit.
Warum lauft ihr?
Laufen ist ein Gefühl von Freiheit. Man kann es überall mit jedem zu jeder Zeit an jedem Ort machen. Das merkt man in den Trainingslagern – da sind Äthiopier und Chinesen, die sprechen schlecht englisch, und man läuft zusammen und man hat das Gefühl man ist eine Einheit und man versteht sich.
Vielen lieben Dank an Anna und Lisa und an Adidas für diesen schönen Abend!

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