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250km durch die Wüste: Wie du über dich hinauswachsen kannst! Interview mit Michele Ufer

Im Sommer habe ich beim 1. Europäischen Trailrunning Symposium im Pitztal einen sehr beeindruckenden Menschen kennengelernt: Extrem-Ultraläufer Michele Ufer. Der gelernte Sportpsychologe wagt sich an Herausforderungen, die bei den meisten Menschen Unglauben auslösen. Er ist u. a. beim Hardcore-Ultrarace Atacama Crossing 250 Kilometer durch die chilenische Wüste gelaufen, hat den Everestmarathon gemeistert und 230 Kilometer beim Ice Ultra in Schweden bestritten – und dass, obwohl er das Laufen bis kurz vorher noch gehasst hat. Wer glaubt, schon ein Marathon wäre Wahnsinn, der sollte jetzt lieber weglesen. Und falls du dich gerne an deine Grenzen wagst: Michele zeigt eindrucksvoll, dass alles möglich ist!

Du hast das Laufen gehasst und dich trotzdem für eine Lauf-Challenge angemeldet, die es in sich hat – 250 Kilometer quer durch vier Wüsten, und das, obwohl du noch nichtmal an einem 10 Kilometerlauf teilgenommen hattest. Wie kommt man auf so eine Idee?

Ich habe zur „falschen“ Zeit die Zeitung aufgeschlagen und einen Artikel über so eine Lauf-Serie durch 4 Wüsten gelesen. Das hatte mich fasziniert, insbesondere zweierlei Dinge: 1. Die Frage, zu welchen Leistungen der Mensch fähig ist und 2. Das Abenteuer. „So etwas würde ich auch gern mal tun können“, war dann spontan mein Gedanke. Das schien aber alles so weit weg und schlummerte für Jahre in meinem Kopf, bis es dann irgendwie wieder hochkam und ich beruflich zunehmend im mentalen Bereich arbeitete, und Kunden unterstützte, außergewöhnliche persönliche Veränderungen, Weichenstellungen und Verbesserungen zu erreichen. Und da dachte ich mir: dieser Lauf wäre doch der perfekte Selbsttest.

Wie hat dein Umfeld auf dein Vorhaben reagiert? Und was hast du ihnen entgegengehalten?

Meine Freunde waren ziemlich irritiert und ungläubig. „Das ist nicht möglich“, „Das kannst du nicht“, „Bist du verrückt?!“ usw. waren Standardsprüche. Ich habe gar nichts entgegengehalten, außer etwas zu schmunzeln und mich auf mich konzentriert.

Hast du medizinisch abklären lassen, ob dein Körper fit genug ist für die Wüste, oder bist du nach deinem „Bauchgefühl“ gegangen?

Eine ärztliche Untersuchung war für alle Teilnehmer Pflicht. Und auch meine Frau hatte das zur Bedingung gemacht, bevor sie diesem Projekt zustimmte. Als das OK vom Doc kam, wusste ich: Jetzt hängt es nur noch davon ab, wie ich die Vorbereitung gestalte und während des Rennens meine Potenziale abrufe bzw. inwieweit ich es schaffe, über mich hinauszuwachsen.

Hast du dir einen professionellen Trainingsplan erstellen lassen, oder mit frei verfügbaren Plänen aus dem Internet gearbeitet?

Ich habe mich zunächst kurz im Web orientiert, dann aber schnell festgestellt, dass 10 „Experten“ 10 Meinungen haben. Daraufhin habe ich mir gesagt: mensch: überlege dir, was wirklich wichtig ist und dann bau dir deinen eigenen Plan. Immer vor dem Hintergrund, dass ich ja nur 3-4 Monate zur Vorbereitung hatte und vor allem nicht übertrainieren wollte. Und ich habe intensiv mit mentalen Techniken gearbeitet, das war ja von Beginn an mein Plan und Ansatz.

Wie hast du dich auf das Abenteuer Atacama Crossing vorbereitet? Hast du außer dem Laufen noch andere Trainingseinheiten gehabt? Wie oft in der Woche hast du trainiert?

Letztlich war ich 4 x pro Woche laufen. Dabei habe ich einen längeren Lauf (2-4 Stunden), ein Intervalltraining (6-12 Mal einen kleinen Hügel hoch), einen ca. einstündigen schnelleren Lauf und einen entspannten langsamen Lauf absolviert. Alles kein Hexenwerk. Darüber hinaus habe ich eine Reihe sportpsychologischer Techniken eingesetzt, insbesondere Mentales Training uns Selbsthypnose, die schon bei meinen Kunden gut funktioniert haben und ich wollte schauen, ob das auch bei mir selbst genauso gut klappt. Mein Ziel war es, psychologische Routinen parat zu haben, damit ich beim Rennen wie auf Knopfdruck oder einfach unbewusst und automatisch, hilfreiche, leistungsförderliche Ressourcen und Strategien abrufe.

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Welches war die längste Distanz, die du im Training gelaufen bist?

Das darf ich ja kaum sagen, aber mein längster Trainingslauf durch hügeliges Gelände war über 29km. Dafür habe ich knapp 4 Stunden gebraucht, mit einem 10kg-Rucksack auf dem Rücken. Damals hatte ich zum ersten Mal eine GPS-Uhr am Handgelenk und ich war ganz gespannt, wie weit ich es innerhalb von 4 Stunden wohl schaffen würde. Als ich dann auch die Uhr schaute und diese mir 29km anzeigte, war ich doch etwas geschockt, dass es nicht mehr war.

Hattest du in deiner viermonatigen Vorbereitungszeit auch mal Tage, an denen du völlig unmotiviert warst?

Ehrlich gesagt, hatte ich solche Tage nicht. Ich habe mich mental und emotional sehr intensiv auf das Ziel eingestimmt. Das Ziel hat mich unglaublich angezogen und in „schwierigeren Momenten“, getragen. Hilfreich war auch meine sensible Rückwärtsplanung, die mir ein Bewusstsein dafür gegeben hat: wenn du dieses Training ausfallen lässt, verschiebt sich alles nach hinten raus und du bist am Tag X nicht so fit, wie du sein möchtest, sein musst. Das hat immer Orientierung gegeben und moitiviert.

Gab es in deiner Vorbereitungszeit eine „Sinnkrise“, in der du dich gefragt hast, warum du das eigentlich alles machst?

Eine Sinnkriese gab es nie. Das Projekt war für mich so abgefahren, geil und attraktiv. Eher habe ich mich manchmal kurz gefragt, ob ich mich da nicht übernehme. Aber dann habe ich schnell all meine Erinnerungen an bestandene „Abenteuer“ aktiviert und ich habe mir die Herausforderung etwas kleiner geredet, relativiert: „ist halt ne längere Wanderung“, „Du magst doch die Sonne/Hitze“.

Kurz vor dem Start

Warst du nervös? Gibt es einen Trick, die Nervosität (und vielleicht auch Angst), die jeder Läufer kennt, zu überwinden?

Ich war nicht wirklich nervös, eher angenehm aktiviert und „Ready“. Hierin liegt womöglich schon ein erster kleiner Trick: etwas Kribbeln umdeuten in erhöhte Leistungsbereitschaft. Ansonsten gibt es eine Reihe von Techniken, die sehr effektiv zur Reduktion von übermäßiger bzw. dysfunktionaler Nervosität eingesetzt werden können. Atemregulation, Progressive Muskelrelaxation, Selbsthypnose, Einsatz von Ruhebildern und -wörtern seien hier beispielhaft genannt. Letztlich ist das eine Typ- und Trainingsfrage. Wenn man solche Techniken beherrscht, wirken sie innert Sekunden. Bei übermäßigen Ängsten oder Druck könnte es hilfreich sein, zusammen mit einem Experten, eben diese aufzulösen.

Wenn du Atacama Crossing in wenigen Worten beschreiben müsstest, welche wären es?

Ein fantastisches, abgefahrenes Experiment, bei dem ich mir bewiesen habe, zu welch ungeahnten Dingen ich fähig bin, wenn ich an den richtigen mentalen Stellschrauben drehe.

Welches war der schlimmste Moment in der Wüste?

Die Schnarcher des nachts. Ich habe einen sehr leichten Schlaf und da wir mit 10-12 Läufern in Gruppenzelten übernachtet haben, war es für mich immer ein Horrer, bei klirrender Kälte rechts und links von Extremschnarchern umzingelt gewesen zu sein. Das raubt einem die Nerven und ist nicht grade regenerationsförderlich.

Und welches war der schönste Moment?

„Den“ Moment gibt’s nicht. Obwohl doch: 2 Tage nach dem Rennen sitze ich im Zielort, dem kleinen einem Wüstendorf San Pedro. Es ist mein Geburtstag, ich schlecke in Eis und da wird mir bewusst, was ich da geleistet habe: Als Anfänger und mit nur 4 Monaten Vorbereitung bei einem großen 250km-Wüstenrennen 7. in der Gesamtwertung zu werden, obwohl ich eigentlich ja nur irgendwie heile ankommen und das Ding überstehen wollte, das hatte nicht nur mich selbst, sondern auch die anderen Teilnehmer und Organisatoren ziemlich überrascht. Deutsche Zeitungen riefen für Interviews an und ich dachte: das ist der schönste Geburtstag, den ich je hatte.

Du bist Psychologe und kennst dich bestens mit den mentalen Werkzeugen aus, die einem durch einen Lauf helfen können. Welche 5 Tipps würdest du Läufern mit an die Hand geben, die sie selbst ohne fremde Hilfe und relativ einfach trainieren können, um aus Motivationslöchern während des Rennens schneller herauszufinden (oder gar nicht erst hineinzufallen)?

Mir wird diese Frage regelmäßig gestellt. Allerdings bin ich kein Fan von „5 goldenen Motivationstipps“, die für alle und jeden zu allen Zeiten funktionieren sollen. Das hat TV-Zeitschriften-Niveau und ist selten wirklich hilfreich. Ansonsten müssten wir ja alle immer super motiviert, glücklich und gesund sein, ach ja, und unsere Wunschfigur haben, denn wir werden regelmäßig von allen Seiten mit solchen „Tipps“ bombardiert. Wir Menschen sind sehr unterschiedlich, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht, dabei unterschiedliche Hirnstrukturen ausgebildet. Meine Erfahrung ist, dass ein mentaler Werkzeugkoffer insbesondere dann besonders gut und vor allem nachhaltig funktioniert, wenn er die Hintergründe, Lebensumstände, unterschiedlichen Ziele, Bedürfnisse, Stärken und Schwächen der Athleten berücksichtigt und auf dieser Grundlage individuell passende Strategien entwickelt und eingeübt werden. Dann können mitunter in kürzester Zeit geradezu dramatische Veränderungen und Verbesserungen in den Bereichen Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden realisiert werden, nicht nur im Sport.

Atacama Crossing war für dich der Beginn einer außergewöhnlichen Laufreise: Welches Event war bisher dein Highlight?
Und welche Läufe stehen noch auf deiner to-run-Liste?

High im wahrsten Sinne des Wortes war der Mount Everest Marathon, der höchste Marathon der Welt, an dem ich 3 Mal teilgenommen habe und über den wir einen Dokumentarfilm produziert haben. Ansonsten hatte jedes Rennen seine ganz eigenen Reize und Herausforderungen, egal ob in der Wüste, am Polarkreis, im Regenwald, Gebirge oder wo auch immer. Für die Zukunft habe ich einige spannende Sachen vor, vieles spielt sich nicht bei organisierten Läufen ab, sondern im Rahmen selbstorganisierter Expeditionen. Und im Oktober richten wir die erste Deutsche Meisterschaft im 24-Stundne Trailrunning aus. Da lasse ich dann eher laufen, hehe. Das ist ne schöne Geschichte, weil bei diesem kleinen familiären Communityevent namens TRAILDORADO auch viele Einsteiger und weniger ambitionierte Läufer da sind, sich ausprobieren können und wir parallel zum Lauf zahlreiche Vorträge und Praxisworkshops anbieten. Sehr inspirierend, diese Läuferparty.

Weitere Infos über Michele findest du auf michele-ufer.de und traildorado.com

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Weitere Infos über Michele findest du auf michele-ufer.de und traildorado.com

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